Mercedes-Benz Group - auch ohne Trucks noch viel drin?

Veröffentlicht am 26.08.2022

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  • Unternehmen schließt seit 2021 ausschließlich die PKW & Van Sparte der ehemaligen Daimler AG ein nach Abspaltung von Daimler Truck
  • über 2 Millionen Fahrzeuge in 2021 weltweit verkauft, jedoch trotzdem nicht in den Top 10 der Automobilkonzerne?
  • Gewinnwachstum über 400% für 2021 im Vergleich zu 2020
  • Kernthema der Zukunft sind BEV – Battery Electric Vehicles – mit 210% gesteigertem Absatz in Q1 2022 im Vergleich zum Vorjahresquartal

Mit einem KGV von 2.83 (TTM) sollte das Investment bei der Mercedes Benz Group AG doch ein absoluter No-Brainer sein, oder etwa nicht?

Über Mercedes-Benz Group

Der deutsche Hersteller von Kraftfahrzeugen der Mittel-, Ober- und Luxusklasse gehört seit jeher weltweit zu den großen Namen in diesem Segment. Der erste Vorläufer des Konzerns wurde schon im 19. Jahrhundert gegründet und nach verschiedenen Umstrukturierungen existiert seit dem 01. Dezember 2021 die heutige Mercedes-Benz Group AG, welche unter dem Vorstandsvorsitzenden Ola Källenius inzwischen ausschließlich die PKW und Van Produktion der Konzernmarken besitzt. Neben dem Kerngeschäft der Produktion von Kraftfahrzeugen werden über die Tochtergesellschaft Mercedes-Benz Mobility AG auch Finanz- und Mobilitätsdienstleistungen wie Finanzierung, Leasing oder auch Carsharing angeboten.

Marktumfeld

Der Markt für Automobile, insbesondere PKW, ist traditionell sehr stark umkämpft und so wundert es nicht, dass die Liste der Wettbewerber lang ist. Insbesondere global schafft es die Mercedes-Benz Group nach reiner Anzahl der verkauften Fahrzeugen nicht in die Top 10, da Volumenmarken wie Toyota oder auch die Volkswagengruppe mit ihren zahlreichen Marken ein Vielfaches mehr vorweisen können. So liegt Toyota beispielsweise mit über 10 Mio. Fahrzeugen in 2021 bei der fünffachen Anzahl im Vergleich zu Mercedes-Benz mit ca. 2 Mio. Berücksichtigt man jedoch, dass Mercedes-Benz fast ausschließlich im Segment der Mittel- und Oberklasse zu finden ist, so erklärt sich, warum die Bilanzen eine etwas andere Sprache sprechen: Sowohl bei den Umsätzen als auch bei den Gewinnen liegt die MBG weltweit auf Platz 3.

Zahlen

Von 2020 auf 2021 Gewinnwachstum von über 400%. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 2.83 (TTM). Da kann doch eigentlich nichts schief gehen, oder? Durch die bereits erwähnte Ausgliederung der Daimler Truck Holdings und deren Börsengang sind die Zahlen mit etwas Vorsicht zu genießen. Im vierten Quartal 2021 tauchen dadurch nämlich 9.2 Mrd. € zusätzlicher Nettogewinn auf. Der tatsächliche Gewinn liegt damit im Vergleich zum recht schwachen Jahr 2020 aber trotzdem noch um 250% höher, ein drastischer Anstieg ist also dennoch ganz klar zu beobachten.  Berücksichtigt man dies ebenfalls in der Berechnung des KGV, so liegt dieses bei 4.6 (TTM), was ebenfalls sehr günstig bewertet ist. In Q3/Q4 2021 – und damit auch in TTM Berechnungen – sind die Gewinne, die aus dem heutigen Geschäft von Daimler Truck resultieren, jedoch noch enthalten, während die Marktkapitalisierung zum heutigen Stand natürlich darum bereinigt ist. Legt man jedoch nur die Zahlen für das Nettoergebnis in Q2 2022 zugrunde, würde sich an dieser Bewertung wenig ändern, allerdings ist das zweite Quartal historisch gesehen im Konzern immer überdurchschnittlich stark, sodass dies vermutlich nicht repräsentativ ist und man für das gesamte Jahr mit einer leicht schlechteren Bewertung rechnen muss. Setzt man dies ins Verhältnis zu den namhaften Mitbewerbern, so steht die Volkswagen AG leicht günstiger da, während Toyota mit einem KGV von über 10 deutlich teurer bewertet ist. 

Future of Mobility

Dass Mobilität im Wandel ist, kann niemand mehr bestreiten. Konzerne im Automobilbau sind wie kaum eine andere Branche gefordert, mit der Veränderung Schritt zu halten, die einerseits durch das drastischer werdende Thema des Klimaschutzes und andererseits auch durch ein Umdenken jedes einzelnen Menschen gefordert werden. Ein großer Pfeiler ist hier die Elektromobilität in ihren verschiedenen Varianten, allen voran die Nutzung batteriebetriebener PKW anstelle von solchen mit Verbrennungsmotoren. Während es lange schien als hätten die deutschen Automobilkonzerne gemeinsam diese Entwicklung verschlafen, haben die letzten Jahre einen drastischen Fokus auf dieses Thema gezeigt. 

Mercedes-Benz bietet inzwischen fünf vollelektrische Modelle an – von den kompakteren Modellen EQA und EQB über das Mittelklasse-SUV EQC und den Van EQV bis hin zur Luxuslimousine EQS. Die gewohnt hohe Qualität bei Produktion und Verarbeitung in Kombination mit moderner Technologie von den Motoren bis zum Infotainment konnte die Kunden bislang überzeugen. Nichtsdestotrotz waren im Jahr 2021 gerade einmal 4.1% der verkauften Fahrzeugen (ca. 100.000 Stück) batteriebetrieben. Im Vergleich zu fast 1.3 Mio. Stück, die im gleichen Jahr von Elektropionier Tesla verkauft wurden, erscheint die Zahl fast verschwindend gering. In der ersten Jahreshälfte 2022 stieg die Anzahl jedoch schon auf knapp 140.000 Stück, es zeichnet sich also ein rapider Umschwung ab und damit eine klare Trendwende in Richtung Elektromobilität aus dem Hause Mercedes-Benz.

Investmentthese

Auch wenn die Zahlen aktuell schwerer zu interpretieren sind, ist die Bewertung mit einem geschätzten KGV von 4.6 nach über 40% Kursverlusten vom Höchststand im Dezember als sehr günstig einzuschätzen. Bereinigt von den Auswirkungen der Abspaltung von Daimler Truck zeigen die Bücher trotzdem ein solides Wachstum von Umsätzen und Gewinnen. In einer Zeit des Umdenkens im Bereich privater Mobilität ist zu mutmaßen, dass Premiumhersteller wie Mercedes-Benz weniger Schwierigkeiten erleben werden als Volumenmarken, da sich möglicherweise das private Automobil mehr und mehr zum Privileg entwickelt. Die Nettomarge von über 15% (im Vergleich zu 8% bei Toyota) quantifiziert diesen Unterschied sehr eindrucksvoll.

Ob die Elektrifizierung mit der aktuellen Geschwindigkeit voran getrieben werden kann und damit einhergehend die Absatzzahlen der etablierten Hersteller auch in Zukunft hoch sein werden, bleibt abzuwarten. Die Weichen sind jedenfalls gestellt und die technischen Voraussetzungen geschaffen.

Kurz- und mittelfristig bietet sich auf jeden Fall eine günstige Einstiegschance für ein Unternehmen, das mit einer breiten Produktpalette und internationaler Bekanntheit solide Gewinne erwirtschaftet. Langfristige Aussichten andererseits sind bei einer derart im Wandel befindlichen Branche schwer zu treffen. Von den etablierten Marken im privaten Automobilbereich hat Mercedes-Benz insbesondere durch den Fokus auf das höherpreisige Segment jedoch sicherlich eine der besten Ausgangspositionen und so sind wir auch im Hinblick auf die längerfristige Zukunft optimistisch.