Amazon - Weltmacht im Einzelhandel oder sogar noch mehr?

Veröffentlicht am 30.09.2022

  • größte Plattform des Online-Einzelhandels weltweit (gemessen am Umsatz)
  • nach zuletzt zwei Quartalen mit negativem Ergebnis deutet das KGV der letzten 12 Monate mit über 100 auf drastische Überbewertung hin
  • Umsatzwachstum hat jüngst nachgelassen und liegt im Vorjahresvergleich nur noch bei 9.6% anstelle von 31.6%
  • Fokus wendet sich ab vom Onlinehandel (nur noch 42% der Umsätze in Q2 2022) und hin zum Plattformgeschäft und Cloud Services

Ist der E-Commerce Gigant einfach gnadenlos überbewertet oder steckt im Amazon von morgen noch grenzenloses Potential?

Über Amazon

Im Jahr 1994 wurde Amazon vom Informatiker Jeff Bezos als ein elektronisches Buchgeschäft geschaffen. Zwei Jahre nach der Marktantritt in den USA im Jahr 1995 erzielte das Unternehmen bereits Umsätze von 147 Mio. Dollar. Die Internationalisierung verlief schnell und hält bis heute an, so wurden beispielsweise erst im Jahr 2021 lokale Websites in Polen sowie Ägypten gestartet. Die Anzahl der Mitarbeiter wuchs ebenso rasant, sodass im Jahr 2021 über 1.6 Millionen Menschen auf der ganzen Welt für Amazon arbeiteten.

Zum Portfolio des Unternehmens gehören verschiedene einzelne Sparten, das Kernthema ist stets der Handel mit Waren sowie die Bereitstellung von Dienstleistungen. Geordnet in absteigender Reihenfolge nach Anteil am Umsatz gehören dazu unter anderem der klassische Webshop (z.B. Verkauf durch Amazon über amazon.de), der Marketplace (Drittanbieter auf amazon.de), Amazon Web Services (Cloud Computing) sowie Abonnements (z.B. Amazon Prime inkl. Prime Video) und Werbeservices (z.B. in Kombination mit Marketplace).

Marktumfeld

Da Amazon in verschiedenen Sparten aktiv ist, liegt eine Vielzahl an Wettbewerbern vor. Im Bereich des einstigen Kerngeschäfts Online-Einzelhandel lohnt sich vor allem der Blick nach China. Nicht nur liegt dort mit über 1.2 Bio. Dollar der weltweit größte Absatz im Bereich E-Commerce vor (Platz 2: USA mit knapp 900 Mrd. Dollar), sondern dort sind mit Alibaba und JD.com auch zwei namhafte Konkurrenten ansässig. Nach Marktkapitalisierung ist Amazon mit über 1 Bio. Dollar mehr als dreimal so groß wie der zweite Platz Alibaba. Auch im Bereich der Umsätze ist Amazon mit rund 500 Mrd. Dollar TTM ganz klar Spitzenreiter. Die Unternehmen aus dem Reich der Mitte sind jedoch auf dem Vormarsch, das Umsatzwachstum liegt bei Alibaba mit knapp 30% im Jahr 2021 deutlich höher als 20% bei Amazon. Betrachtet man weiterhin den Bruttowarenumsatz, also den Wert aller verkauften Waren im Gegensatz zum Unternehmensumsatz, so liegt dieser aufgrund der deutlich stärkeren Fokussierung auf das Plattformgeschäft bei Alibaba heute schon fast doppelt so hoch, nämlich 1.15 Bio. Dollar im Jahr 2020.

Richtet man den Blick auf Amazon Web Services, das Cloud Geschäft von Amazon, so stellt sich die Wettbewerbssituation etwas anders dar. Zu den angebotenen Dienstleistungen zählen vor allem sowohl Computing (Ressourcen zur Auswertung) und Speicher/Datenbank als auch Analytik und Machine Learning. Von 2020 auf 2021 ist der Umsatz in diesem Bereich um 37% gewachsen, hier liegt also ein Teil des großen Potentials bei Amazon. Namhafte Konkurrenz kommt an dieser Stelle vor allem von Microsoft (Azure) und Alphabet (Google Cloud). Amazon ist nach wie vor unangefochtener Marktführer in diesem Bereich, da AWS konstant seit vielen Jahren Marktanteile zwischen 30 und 35% vorweisen kann. Auch zur Wahrheit gehört jedoch, dass die Marktanteile von Azure und Google Cloud innerhalb der letzten 5 Jahre drastisch gewachsen sind, nämlich von 13% auf 22% bzw. von 6% auf 9%. Ob deren Wachstum anhält und somit perspektivisch auch Marktanteile von AWS wechseln, bleibt abzuwarten. Insbesondere für Nutzer im Windows-Kosmos kann Azure in der Tat signifikante Kostenvorteile bieten, sodass es nicht auszuschließen ist, dass das Produkt von Microsoft hier perspektivisch Marktanteile abgreifen wird. 

Zahlen

Konstant zweistelliges Umsatzwachstum von zuletzt 21% im Jahr 2021 im Vergleich zum Vorjahr ist nicht überragend, aber sehr solide. Ein Gewinnwachstum von über 56% im gleichen Zeitraum ist beeindruckend. Die letzten zwei Quartale waren jedoch eher durchwachsen und so schrumpfte das Umsatzwachstum auf 9%, während die Gewinne TTM sogar stark rückläufig waren nach zwei Quartalen mit negativem Ergebnis. Die jüngsten Entwicklungen sehen also nicht unbedingt rosig aus. 

Die EBITDA- und Nettomarge hatten sich in den vorangegangenen Jahren konstant positiv entwickelt, leiden jedoch ebenfalls unter den schwachen Gewinnen der letzten zwei Quartale. Auf das KGV wirkt sich das ganze ebenfalls sehr negativ aus, sodass Amazon mit einem Wert von 100 TTM stark nach Überbewertung aussieht. Andererseits ist ein KUV 2.4 sehr günstig. 

Die Zukunft liegt in der Cloud

Während im zweiten Quartal 2022 insbesondere die internationalen Umsätze, bedingt durch globale Schwierigkeiten, gestiegene Logistikkosten und weitere externe Faktoren, sogar leicht zurückgegangen sind (-12%), könnte sich die Cloud-Sparte AWS kaum besser entwickeln. Die Umsätze sind hier um 33% gestiegen und es wurden sogar 5.7 Milliarden Dollar Überschuss erwirtschaftet, wohingegen der gesamte Konzern über 2 Milliarden Verlust machte. Im Vergleich zum Vorjahresquartal sind die Gewinne von AWS um ganze 36% gewachsen und die Nettomarge dieses Unternehmensteils liegt bei 29%. Betrachtet man also ausschließlich das Cloud-Geschäft von Amazon, so läuft die Entwicklung absolut optimal. Geht man davon aus, dass sich dieser Trend, wenn auch abgeschwächt, grundsätzlich fortsetzt, so wird AWS in Zukunft einen noch signifikanteren Anteil am Umsatz und insbesondere am Gewinn des Unternehmens haben. 

Investmentthese

Auch wenn davon auszugehen ist, dass sich die aktuellen Schwierigkeiten im Bereich E-Commerce wieder relativieren, sodass diese Sparte ebenfalls wieder profitabel wird, liegt ein großer Teil der heutigen Bewertung von Amazon begründet in den Wachstumsfantasien für AWS. Der Fokus auf diesen Bereich war eine drastische Erweiterung des Geschäftsmodells, die sich schon heute auszahlt und auch die Grundlage für weiterhin rosige Zukunftsaussichten liefert. 

Es ist zu erwarten, dass das ehemalige Kerngeschäft Onlinehandel nach den aktuellen Schwierigkeiten wieder zu einstiger Größe anwächst, da die Marktmacht insbesondere in der westlichen Welt konkurrenzlos ist. 

Auch wenn die Bewertung in Form des KGV alles andere als günstig erscheint, sind diese Zahlen schlichtweg den zwei schwachen Quartalen im E-Commerce geschuldet. Schwingt dieser Sektor sich wieder zu der soliden Cash-Maschine auf, die er noch bis zum Ende des Jahres 2021 war und entwickelt sich AWS weiterhin vergleichbar, so ist die Aktie von Amazon aktuell tatsächlich drastisch unterbewertet und besitzt großes Wachstumspotential.